Interview mit Preisträgerin | 25.03.2025Nach einer Trennung: Die Kinder stärker in den Mittelpunkt rücken
BiB-Wissenschaftlerin Dr. Pauline Kleinschlömer erforscht den Wandel der Elternschaft. Ein zentraler Aspekt: Immer mehr Kinder erleben die Trennung ihrer Eltern – doch mit welchen Folgen für ihr Wohlbefinden? In ihrer Doktorarbeit hat die Soziologin deutsche und norwegische Daten analysiert. Für ihre Dissertation erhielt sie nun den Nachwuchspreis der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD) in der Kategorie „Beste Dissertation“. Im Interview spricht sie über ihre wichtigsten Erkenntnisse.
Dr. Pauline Kleinschlömer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Familie und Fertilität
Quelle: © privat
Frau Dr. Kleinschlömer, in Ihrer Dissertation untersuchen Sie, wie es Kindern in Trennungsfamilien geht – ein bislang wenig erforschtes Thema in Europa. Wie viele Kinder sind denn in Deutschland davon betroffen, und wie hat sich die Situation in den letzten Jahren verändert?
In den letzten Jahren hat sich das Familienleben in Deutschland verändert. Während Kinder, die zwischen 1971 und 1973 geboren wurden, noch zu 79 Prozent mit ihren beiden biologischen Eltern aufwuchsen, ist dieser Anteil bei den Kindern, die zwischen 1991 und 1993 geboren wurden, auf 69 Prozent gesunken. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Kinder, die bis zum 18. Lebensjahr bei einem alleinerziehenden Elternteil gelebt haben, fast verdoppelt – von 11 Prozent in der Geburtskohorte 1971/73 auf 20 Prozent in der Geburtskohorte 1991/93.
Dieser Trend hat weitreichende Folgen für unsere Gesellschaft. Denn auch, wenn die Trennung oft die alleinige Entscheidung der Eltern ist, machen die Konsequenzen nicht vor den Kindern halt.
In welchen Bereichen und auf welche Weise spüren Kinder die Auswirkungen einer Trennung?
Eine Trennung der Eltern hat Auswirkungen auf viele Bereiche. In meiner Dissertation zeige ich, dass sie mit schlechteren Schulnoten, gesundheitlichen und emotionalen Problemen sowie Verhaltensauffälligkeiten einhergeht.
Erklärt werden diese negativen Auswirkungen mit verringerten Ressourcen und erhöhtem Stress. Durch den Auszug eines Elternteils stehen dem Kind weniger emotionale und finanzielle Ressourcen zur Verfügung. So haben Alleinerziehende in Deutschland ein vierfach höheres Armutsrisiko als Paare. Zudem fehlt ein weiteres Elternteil, das bei den Hausaufgaben helfen kann oder ein offenes Ohr für Erlebnisse aus dem Alltag hat. All dies kann das Stressempfinden der Kinder erhöhen. Der Umbruch innerhalb der Familie kann Verunsicherung bei dem Kind auslösen oder zu Loyalitätskonflikten führen. Genau dieses Stressempfinden habe ich in einem Teil meiner Dissertation untersucht: Anhand eines Stressmarkers im Blut konnte ich zeigen, dass der Wert nach der Trennung signifikant ansteigt.
Was kann Kinder vor den negativen Folgen einer Trennung schützen, und was macht sie besonders anfällig?
Wichtig ist es mir, zu betonen, dass nicht jedes Kind gleich auf eine Trennung der Eltern reagiert. Ein Schwerpunkt meiner Dissertation war es, Schutz- und Risikofaktoren zu identifizieren. In diesem Kontext ist die Eltern-Kind-Beziehung wichtig: Eine enge Bindung mit wenigen Konflikten kann negative Auswirkungen abmildern. Auch der Zeitpunkt der Trennung spielt eine Rolle. Je näher die Trennung am Schulabschluss liegt, desto stärker beeinflusst sie den Bildungserfolg. Zudem zeigen sich die negativen Effekte besonders bei Kindern aus finanziell schwächer gestellten Familien. Veränderungen in der Familienstruktur können somit ein zusätzliches Risiko für soziale Ungleichheit darstellen.
Nach einer Trennung erleben Kinder oft weitere familiäre Umbrüche, etwa die Gründung einer Stieffamilie, in der sie sich neu orientieren müssen. Was bedeutet diese veränderte Familiensituation für sie?
Der Anteil der Kinder, die einen Teil ihrer Kindheit in Stieffamilien verbringen, ist von 6 Prozent in der Geburtskohorte 1971/73 auf 11 Prozent in der Geburtskohorte 1991/93 gestiegen. Auch dieser Umbruch bringt Veränderungen mit sich, da eine neue Person als Autoritätsperson akzeptiert werden muss. In meinen Analysen konnte ich jedoch keinen signifikanten Unterschied im Stresslevel vor und nach der Gründung einer Stieffamilie feststellen. Der Zeitpunkt der Stieffamiliengründung hatte ebenfalls keinen großen Einfluss auf den schulischen Erfolg. Allerdings steht die Forschung zu Stieffamilien, besonders mit europäischen Längsschnittdaten, noch am Anfang.
Dr. Pauline Kleinschlömer (BiB, rechts) erhält den Nachwuchspreis 2025 der Deutschen Gesellschaft für Demographie (DGD) für die beste Dissertation von Dr. Annelene Wengler (Robert Koch-Institut, links) auf der DGD-Jahrestagung im März in Wiesbaden.
Quelle: © BiB
Welche konkreten Handlungsempfehlungen ergeben sich aus Ihren Forschungsergebnissen für das soziale Umfeld und für die Eltern selbst?
Konkrete Handlungsempfehlungen zu geben ist natürlich schwer – gerade, weil Familien so vielfältig sind. Doch Unterstützung im privaten Umfeld kann viel bewirken. Wer Alleinerziehenden unter die Arme greift – etwa Fahrdienste zum Fußballtraining – schafft wertvolle Zeitressourcen. Für Eltern zeigt sich: Auch in stressigen Trennungsphasen sollte die Eltern-Kind-Beziehung nicht unter den elterlichen Konflikten leiden. Eine enge Bindung und das Verständnis für die neue Situation können dem Kind helfen, sich schneller in der veränderten Familienstruktur zurechtzufinden – auch wenn dies in der Theorie natürlich leichter gesagt ist als getan.
Eltern und das soziale Umfeld können, wie Sie sagen, viel bewirken. Inwieweit könnte auch die Politik zur Verbesserung der Situation beitragen?
In Deutschland liegt der politische Fokus nach einer Trennung vor allem auf finanziellen Leistungen wie Unterhaltszahlungen. Zwar profitieren Kinder indirekt von diesen Maßnahmen, doch sollten die Bedürfnisse der Kinder nach einer Trennung stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. In Norwegen gibt es zum Beispiel verpflichtende Mediationsgespräche für die Eltern, in denen unter anderem das Betreuungsmodell nach der Trennung gemeinsam besprochen wird. Auch in Deutschland wären politische Maßnahmen denkbar, wie niedrigschwellige Angebote zur Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung oder Workshops in Schulen zur Stressbewältigung.
Diese Unterstützungsangebote sind besonders im Hinblick auf soziale Ungleichheit wichtig, da eine Trennungserfahrung Einfluss auf den Bildungserfolg, den Gesundheitszustand und die psychosoziale Entwicklung von Kindern hat.
Dissertation
Kleinschlömer, Pauline (2024): Child Well-Being in Postseparation Families, Universität Mannheim